Nouméa. Stadt mit zwei Gesichtern

Die Hauptstadt von Neukaledonien liegt auf Grand Terre. Der größten Insel Neukaledoniens. Der Reiseführer lockt mit Hügeln, Stränden, Cafés, Promenaden und französischer Lebensart. Und so waren wir etwas verunsichert, als wir in unserer ersten Nacht auf Neukaledonien aus dem Hotelfenster schauten:

Das soll die glamouröse Metropole der Südsee sein?

Wir hatten ein günstiges Hotel in der Altstadt gebucht. Nur zum Schlafen. Am nächsten Morgen wollten wir ja weiter nach Ile des Pins. Wir fragten nach einer Restaurantempfehlung. Es gab zwei. Ein chinesisches und eines mit französischer Küche. Ernst, jetzt? Es war tatsächlich so. Die Gegend düster. Geschlossene Geschäfte, lieblos hochgezogene Häuser, um die sich nach dem Bau keiner mehr gekümmert hat und Kolonialbauten, die vergeblich nach einem Restaurator rufen.

Nouméa die Zweite

Das konnte nicht alles sein. Und weil wir nach dem Hotelleben auf Ile des Pins ins echte Leben wollten, buchten wir ein Airbnb. Mitten in der Stadt. Allerdings einen Hügel weiter.

Der Eingang zu unserem Airbnb
Kochen mit Pazifik-Blick

Und da waren sie: schöne Häuser, tropische Gärten, edle Autos, Wohlstand überall. Was ist hier los?

Einer der beiden Stadtstrände!: direkt losschnorcheln!

Nur eine Bucht weiter gibt es Bars, eine Strandpromenade wie in Nizza, Cafés, Bars, Nachtleben und tolle Boutiquen, Beachlife, Kiten, Surfen: Hier leben die Franzosen. Immerhin versucht Frankreich mit einem Spektakulären Museumsbau die Altstadt zu beleben. Und man muss auch sagen, dass wir nirgends wirklich Armut gesehen haben. Alle Menschen scheinen medizinisch gut versorgt und sehr wohl genährt.

In Nouméa scheint es zwei völlig verschiedene Welten zu geben. Die praktisch nichts miteinander zu tun haben. Die eine scheint die Verwirrungen der Kolonialzeit noch nicht überwunden zu haben. Und so leben in der Altstadt viele Kanaken. Es gibt billige Geschäfte, asiatische Basare, ein paar Backpacker-Hotels. Und besonders nachts macht die Gegend einen trostlosen Eindruck.

Abschließend können wir uns natürlich kein Urteil erlauben. Dazu waren wir nicht lang genug da. Aber das war schon krass: Ureinwohner auf der einen und Kolonialherren auf der anderen Seite. Es gibt auch dunkelhäutige Menschen, die gut integriert sind. Servicekräfte in Cafés und auch an manchem Steuer eines SUVs. Aber diese stammen aus anderen französischen Überseegebieten. Martinique, zum Beispiel. Oder aus Afrika. Auch viele Asiaten sind eingewandert. Die Kanaken scheinen noch nicht keinen Platz in dieser postkolonialen Gesellschaft zu haben. Andersherum: Ist die Gesellschaft postkolonial?

Im Internet haben wir gelesen, dass die letzten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und den Kanaken noch nicht lange her sind. In den 80er Jahren stand Neukaledonien am Rande eines Bürgerkriegs. 2018 wurde über die Unabhängikeit Neukaledoniens abgestimmt. 57% stimmten für den Verbleib bei Frankreich. 40% der Wahlberechtigten waren Ureinwohner. Die Inselgruppe hätte dann Kanaky geheißen.

Andererseits: Welchen Chance hat ein kleines Völkchen auf einer wunderschönen Insel, das noch nie die Chance hatte, Erfahrung im Aufbau einer eigenen Struktur, geschweige denn im Umgang mit anderen Staaten zu sammeln? Vielleicht ist es besser, wie es ist. Und vielleicht besinnen sich beide Seiten auf eine, auf gegenseitige Wertschätzung geprägte, gemeinsame Zukunft. Und vielleicht sind sie sogar schon auf dem Weg dahin. Immerhin kam uns bei jeder Begegnung mit einem Kanaken ein Lächeln und ein freundliches „Bonjour“ entgegen.

Bye, bye Südsee: Wir warten auf unser Shuttle zum Flughafen

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